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Von der Symbolik verführt

von Regula Stämpfli


Jetzt kommen sie wieder. Die ewig gleichen Fragen: Weshalb sind die Frauen nicht gleichberechtigt? Gibt es eine neue Frauenbewegung? Was haben die Frauen bisher falsch gemacht? Und wir Wissenschaftlerinnen – denn bei solchen Themen sind ja jetzt die Frauen gefragt, die Männer äussern sich normalerweise zu den wirklich wichtigen Dingen – kauen brav unsere hundertjährigen Studien wieder: 1. Je mehr Macht, umso weniger Frauen. 2. Frauen haben einen „doppelten Gebrauchswert“, d.h. sie können arbeiten und Kinder gebären. Selbst wenn sie weder das eine noch das andere auch tun, werden sie mit diesen Merkmalen gemessen (oder definieren sich selber). Deshalb werden sie weniger häufig Professorinnen, Bankerinnen, Chemiemultis oder Präsidentinnen. 3. Das Geschlecht allein war noch nie politisches Programm. So, alle kapiert? Sicher nicht. Denn beim nächsten Damenopfer reagieren wir dann alle wieder genau gleich, wie schon unsere Grossmütter: Mit Trillerpfeiffen, Pfannendeckeln und einer schön durchmischten Demonstration in allen Alters- und Gesellschaftsschichten.

Es ist als ob die in Wellenbewegung aufflackernden Frauenproteste in einem der konservativsten Länder Europas quasi eine Hofnarren- und damit eine Reinigungsfunktion hätten. Wir enervieren uns über selbstverständliche Machtmechanismen, bedauern aus Solidarität auch Frauen, die den Feminismus wohl nicht einmal buchstabieren könnten, und konzentrieren uns auf symbolische Aktionen. Bei den Waghalsigeren der Frauenbewegung stellt sich erst nachher ein etwas mulmiges Gefühl ein: Denn, ehrlich. Mal Hand aufs Herz: Wieviel Frauenbefreiung bringen denn zwei oder drei Frauen in der nationalen Exekutive wirklich?

Gestandene Feministinnen wenden dann sofort ein, dass dies die falsche Frage sei (zu diesem Thema sind alle Fragen falsch), denn es gehe um die Gerechtigkeit. Erst wenn die Hälfte des Himmels auch den Frauen gehöre, dürfe frau und mann genauer hinschauen. Doch solange mag ich persönlich eigentlich nicht mehr warten. Ich finde, ich habe die letzten 20 Jahre, seit der Nicht-Wahl von Lillian Uchtenhagen, schon viel zu lange gewartet. Denn offenbar haben wir Feministinnen etwas Grundlegendes nicht begriffen: Mit der Symbolik um die Bundesrätin wird der Bock zum Gärtner gemacht – oder sollte ich sagen: Die Geiss zur Rosenzüchterin?

Frauen erobern die Welt nicht mit Frauen in geeigneten Machtpositionen. Denn bis die Hälfte aller Bosse, Präsidenten, Nobelpreisträger, Chefredaktoren, Schriftsteller endlich Platz gemacht haben, sind wir alle tot. Zudem zeigte eine Maggie Thatcher, dass sie als „tough guy“ auch den Frauen alles wegnehmen kann. Oder beweist Condoleeza Rice jeden Tag von Neuem wie pervers die Definition einer Person aufgrund ihrer biologischen Anlagen ist: Von einer Hautfarbe oder einem Geschlecht auf vor-definierte Politiken zu schliessen, ist schlicht doof. Nur der Umkehrschluss, Hautfarbe und Geschlecht als statistische Orientierung für die Ungleichverteilung der prominenten Posten zu nehmen, haut einigermassen hin. Im Konkreten stimmte sogar eine Christine Beerli gegen die Mutterschaftsversicherung. Und Ruth Metzler wusste nichts besseres als gleich nach ihrer Wahl zu beteuern, dass ein Kind nicht in ihr Verständnis von Amtsführung passe.

Frauen und Männer erleben eine menschliche Welt erst mit gleichstellungsfreundlichen Politiken. Und sagen Sie mir nicht, wir hätten die formelle Gleichstellung schon lange. Dem ist nämlich nicht so. Der Schweiz fehlt ein Steuer- und Sozialsicherungssystem, welches nicht automatisch den Ernährer bevorzugt. Es fehlt ein Schulsystem, welches Arbeit und Kinderaufzucht vereinbart (ja, schon nur die vom Ständerat am 16.12.2003 abgelehnten Blockzeiten wären toll!). Es fehlt ein Bildungssystem, welches aufgrund eines falsch verstandenen Föderalismus und des herrschenden kleinräumigen Filzes nicht den Sohn des reichen Unternehmers in seinem Erwachsenenalter wieder automatisch zum noch reicheren Unternehmer macht.

Aber eben: Politiken sind nicht so sexy wie Personen. Knallhartes Verhandeln nicht so verführerisch wie der kurze Rock beim Anstellungsgespräch. Schwesternstreit nicht so lustvoll wie geheuchelte harmonische Frauensolidarität. Und so machen wir Schweizerinnen weiter. Entsetzen uns in Wellen über die ganz offensichtlichen Ungerechtigkeiten während wir im Privaten die viel perverseren Männerstrukturen in den Medien, in der Wirtschaft und an den Spitälern oder Unis – manchmal sogar im eigenen Bett - still, brav und duldsam als Mittäterinnen (heutzutage einfach eher in Strapsen als in adretten Kostümen) weiterstützen.

Die Berner Politologin Regula Stämpfli ist Expertin für Wahl- und Abstimmungsforschung in der Schweiz und in der EU. Sie hat ihre Doktorarbeit über Feminismus, Geschlecht und Frauenbewegung in der Schweiz verfasst: „Mit der Schürze in die Landesverteidigung. Frauenemanzipation und Schweizer Militär 1914-1945, Orell Füssli 2002.



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books

Aussen Prada -
Innen leer?


ISBN: 2-930279-41-9
EAN: 9782930279411
Preis: Fr. 29.80
€ 22.80, zuzüglich Versandkosten

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8.5.11: Talk im Hangar 7, servustv.com
17.6.10: Artikel schwyzkultur.ch, pdf
26.5.10: Satire Europäisches Rettungspaket oder copypasteurisierte Selbstbestimmung
28.4.10: Paolo Tuminelli im Handelsblatt über Aussen Prada-Innen Leer? in brillanter Kolumne „Model 10 – für Narzisse unwiderstehlich“
13.4.10: "Mut zum Amt": Regula Stämpfli zu "Aussen Prada-Innen leer?"
Schwäbisch Post (nur via Zeitungsarchiv zugänglich)
16.3.10: Telezüri: Hugo Bigi und Regula Stämpfli reden über das neue Buch
April 2010: Coopzeitung Buchaktion
4.3.10: Offenburg, „Klug, unterhaltsam und schlagfertig“ – Lesung zu „Aussen Prada innen leer“

Frauen ohne Maske
Text: R. Stämpfli
Fotos: J. Rieger
ISBN:
978-7272-1123-2
Preis:
CHF 49.– / € 31.–

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Januar 2011: Buchhandlung König, Köln
Ausstellung und Buch siehe Kurzfassung und Bestellschein, pdf

Die Macht des richtigen Friseurs

über Bilder, Medien und Frauen
ISBN: 2-930279-37-0
Preis:
Fr. 29.80 / € 22.80

Zur Buchbestellung

Januar 2011: Buchhandlung König, Köln
22.10.09: „Nur dumme Leute langweilen sich“ – Porträt im „Der Landbote“ zum Stadtalk in Winterthur mit Karin Landolt, pdf
23.2.09: Philosophicum Feminismus heute, pdf
Dezember 08: Zeitschrift punktum (Verbandszeitschrift des Schweizerischen Berufsverbands für Angewandte Psychologie SBAP), Dezember 2008, Rezension von Ursula Steinebach, pdf
8.9.08: Lesung Spiez, pdf
"Die Lust und das Bild": Falls Sie mehr wissen wollen, lesen Sie die Kapitel von Regula Stämpfli "Blut ist ein ganz besonderer Saft" und "Liebe in Zeiten der Grausamkeit" in "Das Buch im Gespräch".
30.6.08: Rezension von Philosoph Arne Willée, Bonn
26.6.08: Talktäglich in Tele Züri:" In Ihrem aktuellen Buch philosophiert Regula Stämpfli über Bilder, Medien und Frauen und warum Berühmtheiten fürs “nichtstun” Millionen kassieren. Ein Einblick in das neuste Werk der scharfzüngige Analytikerin heute Abend im “TalkTäglich”.
1.6.08: "Buch im Gespräch": Regula Stämpfli und Daniel Kehlmann zur Euro 08 in der Schweiz und in Österreich
30.3.08: Femina: Faut-il cesser de fêter les anniversaires? pdf
2.3.08: TV-Sendung: "west.art am Sonntag", Regula Stämpfli zu ihrem Buch und zum Thema "Mein Körper gehört mir", in 3 Teileln - Total 85 Minuten.
19.2.08: Unfaire, unkorrekte Medienberichterstattung - der Fall "Das Magazin", siehe rhetorik.ch, pdf
16.12.07: "Persönlich", DRS1: Christophe Keckeis und Regula Stämpfli
7.12.2007: Empfehlung auf rhetorik.ch
1.12.07: SSM-Gazette, Interview Philipp Cueni
1.12.07: Kleiner Film zum Buch, rebell.tv
8.12.09: Yvette Anhorn rezensiert Stämpfli für die Ostschweizerinnen

Vom Stummbürger zum Stimmbürger

Das Abc zur Schweizer Politik
2003, 192 Seiten, gebunden
ISBN 3-280-05016-2
Preis:
Fr. 39.80 / € 24.–

Rezensionen von:
14.4.11: Dr. Stefan Breit, pdf
Claude Longchamp, pdf
Rezension von Lisa Schmuckli, pdf

Mit der Schürze zur Landesverteidigung

Frauenemanzipation und Schweizer Militär 1914-1945
2002, 290 Seiten, gebunden
ISBN 3-280-02820-5
Preis:
Fr. 59.– / € 35.50

Rezensionen von:
Perlentaucher März 2003
NZZ, 28.6.03
Dr. Werner Seitz, Friedensrat
Dr. Gesine Fuschs, Gleichstellungs-stelle Basel-Land

Armee, Staat und Geschlecht

Die Schweiz im internationalen Vergleich 1918-45
Chronos Verlag, Zürich
2003, 252 Seiten, gebunden
ISBN 3034005733,
Preis: € 24,90

Rezensionen von:
Perlentaucher März 2003
NZZ, 28.6.03
Dr. Werner Seitz, Friedensrat
Dr. Gesine Fuschs, Gleichstellungs-stelle Basel-Land

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