rezension "die macht des richtigen friseurs"

von Philosoph Arne Willée

Die verschiedenen Aspekte im Buch "Die Macht des richtigen Friseurs" sind hochaktuelle Phänomene des Wandels von Medien und Werten, denen zur Zeit jeder Mensch ausgesetzt ist. Konfusionen und Irritationen darüber sind unvermeidlich. Umso schöner, dass die Autorin eine Schneise durch das Wertselbstvergessene Chaos pflügt und die Phänomene aus einer distanzierten, reflektierten Sicht aus deutet und somit einen Leitfaden für den geschichtslosen Menschen der Jetztzeit an die Hand gibt.

Auch wenn ich nicht immer die Meinung der Autorin teile und ihr engagiertes Schreiben für mich manchmal einen zu starken Eigenimpuls entwickelt, hat die Auseinandersetzung mit diesem Buch meine Gedanken zu den verschiedenen Themen stark beflügelt. So beflügelt, dass ich der Denkanleitung der Autorin mit eigenen Rückmeldungen folge und ihre Gedanken mit eigenen Positionen mische.

Einen grundlegenden philosophischen Wandel, den die Politikwissenschaftlerin in verschiedenen Konzepten beobachten, wie das Aufgehobenwerden eines gesellschaftlichen Repräsentationsmodells durch ein Identitätsmodell, oder das Besetzen von Feldern der Sprache durch die Biologie, leuchten mir offenkundig ein und decken sich mit meinen eigenen Beobachtungen.

Auch eine „Verdinglichung der Lebenszusammenhänge“ kann ich sehen, bewerte diese Entwicklung aber nicht per se negativ, wie auch die messende Verfahren und die mit ihnen einhergehenden Wissenschaften, die unter dem Stichwort „Teleskop“ zusammengefasst werden.

Vielmehr zeigt sich hierin doch eine konsequente Fortsetzung zum Einen einer Anti-antropomorphistischen Wahrnehmung und zum Anderen, eine Technik, die uns den zivilisatorischen Wohlstand ermöglicht und über dessen Vorhandensein wir nicht entscheiden können. Konfliktfrei bleiben diese Themen dadurch natürlich nicht, aber einen Unterschied zwischen den Phänomenen und ihrer Interpretation, was ihre Geltung anbelangt, muss
berücksichtigt werden. Zumal die ethische Sphäre nicht alle Bereiche Überformen kann. Doch dazu später etwas mehr.

Verwoben mit der Technikkritik ist die Medienkritik. Menschen lesen weniger Bücher, neue Medien sind zwar schnell dafür oft unredigiert. Es kommt zu einer Beliebigkeit der Information. Der Medienwandel scheint für die starken Veränderungen von Bewusstsein, Werten und Verhalten maßgebend zu sein. Ich schließe mich hier einer Prognose Marshall McLuhans an, der schon in den 1960ern eine so genannte „Thermostatgesellschaft“ vorhersagte.

Durch die widerstandslos aufgegebene Trennung von Privatsphäre und einer Sphäre der Öffentlichkeit zugunsten eines ungetrennten nur im Erleben-Seiendem Subjekts, welches sich nur für seine privaten Befindlichkeiten interessiert, entsteht eine große Gruppe geschichtsloser, „am Pfahle des Augenblicks gebundene“, um mit Nietzsche zu sprechen, von Entertainment-Medien abhängige Menschen. Da diese keine Selbstdistanz erzeugen wollen oder können, ist bei ihnen auch kein kritisches Denken entfaltbar. Diese große Gruppe wird nun von einer kleineren Gruppe, die noch sequenziell denken kann, d.h. auch noch Bücher lesen kann, gelenkt. Sie stellt den Thermostat für die von ihnen Abhängigen ein.

Das ist keine schöne Vorstellung, auch wenn der abhängige Teil, sich mit einer gewissen Freiwilligkeit in sein Schicksal ergibt, aber ich halte diese Vorhersage für nicht unwahrscheinlich. Um die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Szenarios zu dämpfen müsste man die heutige Hauptarbeit auf eine Medienerziehung richten. Wie diese genau aussehen sollte, kann ich hier leider nicht darlegen. Zumindest sollten kritische Kompetenzen mit allen Medien erworben werden. Hier wäre es auch besonders wichtig Medien, die stärkere Reize auslösen einem Kind erst nach den Medien, die schwächere Reize ausüben und mehr Konzentration verlangen vertraut zu machen.

Dass das Bücherlesen in der Masse eher Rückläufig werden wird, lässt sich aufgrund der erweiterten Medienwirklicheit nicht verhindern. Ermöglicht wird diese soziale Konstellation mit einen durch Technik gesicherten Wohlstand, der dem einzelnem Subjekt viel Freizeit lässt und einem liberalen politischen Systems, welches ihm die Freiheiten für seine individuelle Entfaltung gibt.

In seiner Rede zum 50. Todestages Friedrich Nietzsches stellt Gottfried Benn Nietzsche als Vorläufer eines „vierten Menschen“, dessen Epoche Benn heraufziehen sah, dar: „der Mensch ohne moralischen und philosophischen Inhalt, der den Form- und Ausdruckprinzipien lebt“. Dieser „vierte Mensch“ zeigt das Ende einer Wert-Entwicklung an, die eine gesteigerte Selbstbezüglichkeit mit sich bringt und in eine abstrakte Lebensweise mündet.

Dass Werte und Lebensweisen zusammenhängen ist sicher. Nur impliziert dies nicht, dass diese Entwicklung wertnegativ bewertet werden muss, da sich der Werthorizont historisch immer verschiebt. Wollen wir jedoch an teilweise verwirklichten Werten der Aufklärung, wie die Willensfreiheit und an einer Selbstverantwortlichkeit festhalten, so bleibt als einzige Möglichkeit die Setzung in den Imperativ und die gegenseitige Ermunterung, sowie die Anerkennung als moralische und verantwortliche Personen.

Leider bin ich in meiner Ausführung recht allgemein geblieben und konnte auf viele Einzelheiten nicht mehr eingehen. Hier sei aber noch soviel gesagt: "Die Macht des richtigen Friseurs ist eine fruchtbringende und genussvolle Lektüre und mit dem wunderbar treffenden Ausdruck hat die Autorin in dem Neologismus „Hormontheologie“ erschaffen und Vieles mehr.


Arne Willée

Philosoph
Bonn


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